Im 8. Jh. n. Chr., als
arabische Reiterstämme nach Nordafrika vordrangen, um die Lehre Mohammeds zu
verbreiten, war Sidi Ahmed Lmaghni
ins Atlasgebirge zu dem wilden Berberstamm der Ait Haddidou gekommen. Er verkündete
nicht nur den Islam, sondern war vor allem mit einem gottesfürchtigen Leben
ein
Vorbild und wusste bei allen Problemen guten Rat. So machte er sie auch mit
dem Tauschhandel bekannt, der ermöglichte, im Überfluss produzierte Waren
gegen dringend benötigte einzutauschen. Zum Andenken an diesen Heiligen
treffen sich bis heute die Angehörigen der Ait Haddidou im kleinen Dorf Agda,
um vor seinem Grabgebäude, dem Marabut, einen gigantischen Markt mit
allen Dingen des täglichen Lebens abzuhalten, mit Autoreparaturdiensten,
Zahnziehern, Restaurants in Nomadenzelten sowie einem riesigen Viehmarkt mit
Kamelen, Maultieren, Eseln, Schafen und Ziegen. Der Zeitpunkt Ende September fällt
in die günstige Zeit nach der Ernte und vor dem harten, schneereichen Winter,
der eine Anreise selbst für Maultiere unmöglich machen würde.
Die
verschiedenen Stammesfamilien führen ihre typischen Tänze und Gesänge auf
einem mit roten Teppichen ausgelegten Podium vor der eindrucksvollen Kulisse
der majestätischen Viertausender auf. Die mit dicken Bernsteinketten geschmückten
Haddidou-Frauen stehen Seite an Seite und wiegen sich mit rhythmischem
Klatschen, die in weiße Spitze gekleideten, dunkelhäutigen Frauen aus dem
Dra-Tal wirbeln zu den Schlägen der mächtigen Trommel.
Ideal ist ein solchen Treffen
für die oft noch nomadisierenden, weit auseinanderlebenden Stämme nicht nur
zur Versorgung vor dem Winter, ideal ist auch die Möglichkeit, einen
Ehepartner zu finden. Die kollektiven Eheschließungen am zweiten Tag
des Festes haben ihm deshalb den Namen "Fest der Verlobten"
eingebracht. Eine Legende besagt, dass einst ein Mädchen der Ait Yassa ihren
Auserwählten von den Ait Brahim wegen einer Stammesfehde nicht heiraten
durfte und die Tränen der beiden unglücklich Verliebten die Seen vor
Imilchils Toren bildeten. Seitdem genießen die schönen, hellhäutigen Mädchen
des Hohen Atlas eine größere Freiheit als im übrigen
Land, Scheidungen sind üblich, eine Frau dadurch nicht weniger geachtet. Die
jungen Mädchen und Frauen schlendern in ihrem schönsten Sonntagsstaat, die
Gesichter mit roter und gelber Farbe bemalt, die glutvollen Augen mit
schwarzem Khol umrandet, in Grüppchen über den Markt, flirten selbstbewusst
mit den Männern, eine sonst im islamischen Marokko undenkbare Freiheit. Der
reiche Silberkopfputz dient nicht nur dazu, dem künftigen Ehemann zu
gefallen, sondern soll den von den Berbern gefürchteten "Bösen
Blick" vom Gesicht auf diesen Schmuck ablenken.
Doch der Ehepartner wird auch
hier vom Vater ausgesucht, die Fäden werden schon lange vor dem Fest
gesponnen. Am Morgen des zweiten Tages bilden sich vor dem Marabut zwei Grüppchen:
Die Bräutigame in weißer Djellabah auf der einen, die kichernden, fein
herausgeputzten Mädchen, begleitet vom Vater, auf der andern Seite. Alles
wartet gespannt auf die Ankunft des Gouverneurs, der persönlich die
Heiratsurkunde aushändigen wird. Militär in Paradeuniform steht bereit,
Blumenmädchen breiten Bänder in Landesfarben über den Weg, Folkloregruppen
spielen, als die erwartete Regierungskarawane mit Geländewagen eintrifft.
Jetzt geht alles ganz schnell, die Paare treten einzeln vor, die Urkunde wird
überreicht, der nicht immer ganz junge Ehemann übergibt dem Kadi den
Brautpreis, einzige Absicherung der Ehefrau im Fall einer Scheidung. Die
eigentliche Hochzeitsfeier wird später im Kreis der Familien nachgeholt.
Das Leben ist in dieser
abgeschlossenen Bergwelt nicht gerade leicht. Auf den Frauen lastet die ganze
Arbeit im Haus und auf dem Feld. Wasser holen, kilometerweit für knorrige
Dornbüsche, dem einzigen Brennmaterial in den kahlen Bergen, laufen, Felder
hacken, kochen, Kinderbetreuung, Waschen und Spinnen der Schafwolle, Weben
aller Kleidungsstücke, während die Aufgabe der Männer lediglich darin
besteht, im Frühjahr den Acker zu bestellen und mit den Schaf- und
Kamelherden auf die Weiden zu ziehen. Die übrige Zeit verbringen sie damit,
gemütlich in einer ruhigen Ecke zu liegen und ihr Pfeifchen zu rauchen. Auch
heute noch ist kaum eine Veränderung, ein Aufbruch in moderne Zeiten,
festzustellen. Die Eltern schicken ihre Kinder nur ungern zur Schule aus
Angst, dass die alten Strukturen aufgeweicht werden. Es gibt eine Bergschule
mit einem Direktor, einem Lehrer und einem Schüler. Als der Bürgermeister
den Eltern eine Strafe
von 50 Dirham androhte, wenn sie ihre Kinder nicht zur Schule schickten, war
am nächsten Morgen der Platz vor der Schule voll! Aber nicht mit Schülern,
sondern mit Eltern, 50-Dirham-Scheine in der Hand.
Lac de Tislit
Nur wenige Kilometer außerhalb von Imilchil liegt
der Lac de Tislit. Eine alte Sage berichtet, dass ein Mädchen der Ait Yassa
ihren Auserwählten vom Stamm der Ait Brahim wegen einer Stammesfehde nicht
heiraten durfte. Die Tränen der beiden unglücklich Verliebten bildeten je einen
See. Die Ait Haddidou schwimmen nicht in dem See, sie glauben, dass böse Geister
die Schwimmer in die Tiefe ziehen. Der Untergrund ist zwar schlammig, aber
Touristen baden darin und sollen noch am Leben sein. Seit dem Jahr 1974 tritt
dort ein seltenes Phänomen auf, der See wechselt seine Farbe. Immer in den
ersten zwei Juliwochen leuchtet der See plötzlich in einem grellen Türkisblau,
danach wechselt die Farbe zu Flaschengrün. In der übrigen Zeit ist die Farbe
blau, manchmal jedoch fast weiß.
Am Seeufer findet im Oktober ein kleines Moussem mit
Musik und Tänzen statt, es werden Schafe geschlachtet. Vor dem See zweigt eine
Piste entlang eines Hauses zu einem zweiten See, dem Lac de Isli (9 km,
N32º13.1, W05º33.0), ab. Die beiden Namen der Seen bedeuten Braut und Bräutigam.