Wer
kennt schon Agdz - ein kleines Städtchen in Südmarokko zwischen
Ouarzazate und Zagora, das allein durch seine vielen Teppich- und
Souvenirgeschäfte auffällt? Man hält höchstens mal für eine Cola und hat
Mühe, nicht in einen der Läden geschleppt zu werden. Und doch birgt dieser
Ort ein Kleinod, das zu entdecken sich lohnt.
Im
Stadtzentrum lockt ein Wegweiser: Camping Kasbah Palmeraie. Zwei
Kilometer weiter umschließt eine Lehmmauer das Gelände, eine Rezeption, ein
Swimmingpool. Aber dahinter eine Wand von Palmen. Es handelt sich um eine noch
intakte, bewirtschaftete Palmeraie, in der im vorderen Teil eine Fläche für
Zelte eingeebnet wurde.
Ich
werde sehr freundlich empfangen: "Ich bin Abdelilah, ruh Dich
erst mal aus, dann helfen wir Dir, Dein Zelt aufzubauen. Du bleibst bestimmt
einige Tage bei uns." "Nein, sicher nicht, ich bleibe niemals mehr
als zwei, drei Tage, und für Agdz habe ich zwei Tage eingeplant,"
entgegne ich. Aber Abdelilah sagt, jeder Gast bleibe länger als er
eigentlich wolle.
Da
kommt M'Barek, der Chef und älteste der vier Brüder, die den Platz
bewirtschaften. Er erzählt, dass zu dem Gelände die Kasbah Asslim gehört,
die man auch besichtigen kann und nimmt mich gleich mit. Das sechstemal bin
ich nun in Marokko (1990), aber so etwas schönes habe ich noch nicht gesehen! Eine
riesige verschachtelte Kasbah, mit Mauern, Türmen, Treppen
und Terrassen. Vor der
Eingangstür eine jahrhundertealte Holztafel mit einem
Koranspruch, der das Haus beschützen soll. Ein Teil der Kasbah ist der
Familie vorbehalten, heute besteht sie nur noch aus sechs Personen. Früher
gab es mehr als 70 Familienangehörige, Bedienstete und Sklaven.
Über
eine enge Wendeltreppe steigen wir die Stufen zur Terrasse hinauf, man einen
weiten Blick über die Palmeraie bis zum Ufer des Oued Dra. in der hohen Mauer
sind Durchbrüche mit hübsch verzierten Holzgittern. Von diesem Platz aus
konnten die Frauen, die die Kasbah nie verließen, genau beobachten, was vor
sich ging. Auch heute noch verlässt M'Bareks Mutter selten das Gebäude, über
eine Querverbindung kann sie jedoch zu ihrer Schwägerin in die Nachbarburg
gelangen.
Von der
Terrasse aus kommt man in die vier mächtigen Wehrtürme Dort gibt es Fenster
zu allen Seiten, um die Annäherung von Feinden rechtzeitig zu bemerken. Eines
der Turmzimmer ist ein Traum. Die Wände sind noch original mit
handgefertigten Kacheln verziert, das Deckengewölbe bunt bemalt. Das
Kachelzimmer war der Lieblingsraum von Si Ali, dem letzten Kaid der Familie.
Ob er hier wohl seine vielen Frauen und Geliebten traf?
Wer
war so ein Kaid?
M'Barek
erzählt die Geschichte seiner Familie. Sein Vorfahre Taleb-el-Hassan
studierte vor ca. 400 Jahren in der berühmten Universität Karaouine in Fes
Islamwissenschaften. Dort wurde er vom Sultan Moulay Ismael für seine
Heimatregion Mezgita als Kaid eingesetzt. Er stammte aus Tamnougalt,
der Hauptstadt von Mezgita. Heute ist das nur noch eine unbedeutende
Kasbah auf der anderen Seite des Dra, von Agdz nur mit Durchquerung des Oued
zu erreichen. Ein Kaid war der Repräsentant einer Region, er übte die
Regierungsgewalt aus.Der französische Leutnant G. Spillmann schreibt 1931 in
seinem Buch über die Berberstämme im Oued Dra "Villes et Tribus du
Maroc":
Das
Kommando über die Mezgita ist erblich in der Familie der Ouled Lhassen von
Tamnougalt. Es wird ausgeübt vom Chef der Familie, der im Regierungssitz in
Tamnougalt wohnt. Der Kaid wird unterstützt durch seinen Stellvertreter (Khalif),
der sein eventueller Nachfolger ist. Beim Tode des Kaid versammelt sich die
ganze Familie, um dem Begräbnis beizuwohnen und dort, unter Anwesenheit des
Kadi, des Oulema und des Cheikhs der Zawiya von Sidi Salh wird von den
Mitgliedern der Familie von Tamnougalt der Stellvertreter als Kaid ausgerufen.
Der
Kaid bestimmt selbst seinen Stellvertreter, der gezwungenermaßen der älteste
seiner Brüder ist; mangels Brüder (oder falls der verbleibende Bruder zu
jung ist, um das Amt auszuüben) fällt die Wahl auf den ältesten seiner Söhne,
seiner Neffen oder auch seiner Vettern, die im Regierungssitz wohnen. Wenn die
Kandidaten in etwa im selben Alter sind, versammelt sich der Familienrat, um
denjenigen auszuwählen, der am fähigsten ist, die Funktionen eines Khalifen,
und später eines Kaids, auszuüben.
Zweifellos
haben die Mezgita ihre Unabhängigkeit den Kaids der Familie zu verdanken, die
es verstanden, ihre Einheit aufrechtzuerhalten. Si Ali, der Bruder des
ehemaligen Kaid Si Boubeker und Lieblingssohn des Kaid Si Abderrahman, ist
augenblicklich (1930) Inhaber des Kaidats von Mezgita.
Jedes
der Dörfer von Mezgita wird von ein oder zwei Ältesten verwaltet, die den
angesehensten Familien des Ortes entstammen und direkt Kaid Si Ali
unterstehen. Die Abgaben in Naturalien oder Geld sind festgelegt durch den
Kaid. Sie sind folglich aufgeteilt unter allen Dörfern abhängig von der Zahl
ihrer Einwohner und ihres Reichtums.
Die
Kasbah Tamnougalt war nicht der einzige Regierungssitz des Kaid. Um seine
Geschäfte besser ausüben zu können, wurden im Laufe der Zeit mehrere
Kasbahs gebaut, darunter vor etwa 250 Jahren Asslim bei Agdz. Der letzte Kaid
der Familie, Si Ali, lebte Anfang des 20. Jahrhunderts zu der Zeit, als die
Franzosen den Süden Marokkos unter ihre Kontrolle bekommen wollten. Der Glaoui,
der in den Bergen von Telouet wohnte, war vom Pascha als Repräsentant
für den ganzen Süden eingesetzt. Um seine Macht zu vergrößern, half er den
Franzosen. Er versuchte, die Kaids zur Unterstützung zu gewinnen, aber die
vom Sultan eingesetzten Fürsten hielten zu ihrem Herrn. Kaid Si Ali wurde zu
einem großen Gegenspieler des Glaoui. Doch die Franzosen schafften den
Durchbruch und der Sultan ging ins Exil.
Mitte
der vierziger Jahre gelang es dem Glaoui schließlich, Si Ali von seinem Amt
zu vertreiben und einen anderen Kaid einzusetzen. Als Mohammed V. 1955 aus dem
Exil zurück kam, pilgerten alle Kaids, die ihm die Treue gehalten und dafür
ihr Amt verloren hatten, zu ihrem Sultan. Darunter war auch Kaid Ali. Aber er
selbst war schon alt, einer seiner zahlreichen Söhne sollte sein Amt übernehmen.
Doch jeder wollte diesen einflussreichen Posten, eine Einigung kam nicht
zustande, das Kaidat ging der Familie verloren. Noch im selben Jahr starb Si
Ali. Die etwa zehn in seinem Besitz befindlichen Kasbahs wurden unter seinen
Kindern aufgeteilt. Ahmed, sein Lieblingssohn und Vater von M'Barek, bekam
Asslim, das schönste der Gebäude.
Doch
der Rundgang ist noch nicht zu Ende. Zum Palmenhain hin gibt es einen Gästetrakt,
ein Kaid hatte immer viele offizielle Besucher. Spillmann: Vom 20. bis 30.
Januar 1930 fand ein Treffen statt, eingeladen von Capitaine Daumarie, Chef
der Verwaltung in Ouarzazate, an dem mehrere Offiziere, ein Militärarzt und
ein Ingenieur im Dienst der Region Ouarzazate, Taznakht und Mezgita
teilnahmen. Sie erhielten den besten Empfang von Kaid Ali, der ihnen in
Tamnougalt seine Gastfreundschaft erwies. Schließlich, am 15. Mai 1930, traf
Divisionsgeneral Huré, Kommandant der Region Marrakech, in Agdz ein,
begleitet von elf Flugzeugen. Der General und sein Gefolge wurden von Kaid Ali
und Kaid El Arabi von den Ouled Yahia empfangen.
So
sind die Zimmer auch wunderschön dekoriert. Um einen arkadengesäumten
Innenhof mit Garten und Springbrunnen sind die verschiedenen Räume gruppiert.
Leider haben die Witterungseinflüsse einen großen Teil der Lehmburg schon
beschädigt, aber einiges ist noch gut erhalten. Das "Chambre d'Eté"
wird wegen seiner zwei hohen Flügeltüren so genannt, es ist auch im heißen
Sommer von Agdz angenehm kühl. Die Deckengewölbe sind wie ein Sultanszelt
bemalt. Eine der bunt bemalten Holztüren führt zum Innenhof, die andere gibt
den Weg in den Palmengarten frei. In den großen Türen ist immer noch eine
kleine Tür eingebaut. Der Grund liegt in dem großen Riegel, der höllischen
Krach macht. Wenn der Muezzin bei Sonnenaufgang zum ersten Gebet ruft, kann
man leicht die kleine Tür öffnen ohne die gesamte Familie zu wecken. Als
M'Barek andeutet, dass man diese Zimmer auch mieten kann, entscheide ich mich
sofort, hier zu wohnen. Wann hat man schon einmal Gelegenheit, in einer
solchen Kasbah zu schlafen. Da kommt mein Zelt nicht mit.
Der
Stein der ungelösten Probleme
M'Barek
macht mit mir noch einen Rundgang durch den Ksar, das angrenzende befestigte
Dorf. Durch einen unscheinbaren Eingang kommt man in eine schmale Gasse, biegt
um eine Ecke und muss noch ein zweites schweres Holztor passieren. Diese Wehrdörfer
haben immer einen solch komplizierten Eingang, um Fremden ein Eindringen zu
erschweren. Über den schmalen Straßen gibt es regelmäßig Beobachtungstürme,
von deren Fenstern man in alle Richtungen sehen kann. Oft glaubt man vor einer
Haustür zu stehen, aber es ist nur ein Eingang für eine andere Straße. So
kann man einzelne Stadtteile verschließen und ein Zurechtfinden ist für
Fremde unmöglich.
Ein
solches Dorf war vollkommen autark. Alle wichtigen Handwerke waren vertreten.
Heute wohnen nur noch wenige alte Menschen im Dorf, die jüngeren haben sich
vor den Toren längst neue Häuser mit Wasser- und Stromanschluss gebaut. Der
Töpfer kommt uns entgegen. Er arbeitet kaum noch, die Leute wollen seinen tönernen
Couscousaufsatz heute nicht mehr. Nur das Trinkwasser wird noch häufig in den
schweren Tonkrügen aufbewahrt. In Agdz kommt das Wasser von der
Sonneneinstrahlung heiß aus der Leitung, da füllt man das Trinkwasser in die
wasserbenetzten Krüge und stellt sie in dunkle, kühle Räume.
Vor
einem Haus liegt ein großer Stein, die Oberfläche ist blankpoliert. Von
diesem Stein heißt es, bei einem großen, ungelösten Problem müsse man sich
nur eine Viertelstunde auf den Stein setzen und konzentriert an die Sache
denken, da komme einem die Lösung schon in den Sinn.
Toll
sind auch die riesigen Holzriegel. In den Türen ist ein rundes Loch; will man
etwa sehen, wer draußen steht? Aber nein, da kommt gerade Hamid nach Hause.
Er nimmt einen Gegenstand aus der Tasche, der wie eine überdimensionale Zahnbürste
aus Holz aussieht, statt Borsten gibt es Holzstifte. Mit diesem Schlüssel
fasst er von außen durch das Loch, innen gibt es die entsprechenden
Aussparungen und schon lässt sich der Riegel öffnen.
In
diesem Dorf und der Kasbah gab es ständig etwas Neues zu entdecken, aus den
geplanten zwei Tagen wurden schließlich drei Wochen. M'Barek, der in Rabat
Soziologie studiert hat und sich sehr für die Geschichte seiner Region
interessiert, konnte alles mit großen Sachverstand erklären. Ob ich nun das
breite Oued Dra zu Fuß durchquerte - bis zu den Hüften im Wasser- , um
Tamnougalt zu besichtigen, einen erholsamen Spaziergang in den Palmengärten
machte, die Felszeichnungen von Tinsouline ansah oder einen Ausflug zu dem
herrlichen Felsenbecken der Kaskade des Dra unternahm, immer wurde ein schöner
Ausflug daraus, auf dem ich nach Wunsch von einem der überaus netten
Familienmitglieder begleitet wurde. Ich habe eine Oase der Ruhe und
Entspannung gefunden. Händler, aufdringliche Führer, bettelnde Kinder, so
etwas gibt es hier einfach nicht.