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Toubkal oder
nicht Toubkal - ein Erfahrungsbericht
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Der Djebel Toubkal ist mit 4.168 Metern der
höchste Berg Marokkos und nach dem Kilimanscharo der zweithöchste von
Afrika. Daher kann ihn die Autorin eines Reiseführers nicht ganz
ignorieren, wenn auch leider noch keine Straße hinaufführt. Und wenn
das auch noch nicht alle Kollegen tun, so sollte man doch mal selbst
hoch klettern, anstatt sich durch eine Internetrecherche zu
informieren.
Tja, aber schaffe ich das? Im Auto kann ich
bestimmt schon mehr als 100.000 Afrikakilometer aufweisen, aber meine
Trekkingerfahrung ist bescheiden. Man könnte auch sagen „zero“. Ob ich
das Vorhaben überhaupt schaffe? Fast im Rentenalter und Großmutter
beschränkt sich meine sportliche Tätigkeit aufs Sportstudio, das ich
allzu oft ausfallen lasse.
Der erste Weg zur Vorbereitung führt in den
Globetrotterladen, aber nach Lesen der Preisschilder und eingehender
Beratung krame ich die alten Dockers aus und kaufe nur ein paar
Trekkingsocken. Natürlich muss auch entsprechendes Bergtraining sein,
das ich in Form von zwei Jazzwanderungen über die Taunushöhen
absolviere. Ob 400 oder 4000 Meter, da fehlt nur eine Null. Damit das
Training etwas erleichtert wird gibt es dabei alle 2 km einen
Weinstand und eine Jazzkapelle. Ob ich das auf dem Toubkal auch so
erleben werde?
Am 23.9. komme ich also in Imlil an, eine
perfekte Jahreszeit. Imlil ist die Ausgangsbasis für Wanderungen rund
um den Toubkal. Hier ist das Büro der lizenzierten Führer und hier
gibt es Unterkünfte. Noch bis vor 2, 3 Jahren war es für Bergwanderer
klar, dass die
Unterkunft
eine zünftige Berghütte sein muss, im Schlafsaal und mit kalten
Duschen. Das konnte und kann man für 4 Euro pro Nase bekommen. Aber
auch bis Imlil wirkt sich das Tourismuskonzept des Königs aus, der bis
zum Jahr 2010 jährlich 10 Millionen Touristen ins Land und anständig
unterbringen möchte. Und auch die suchen mehr und mehr den Komfort. So
gibt es kaum noch Billigunterkünfte, jeder rüstet zum Zimmer mit
eigenem Bad auf. Zwei tolle neue Hotels mit ähnlichen Namen, aber doch
ganz unterschiedlich, sind entstanden. Riad Imlil, direkt im Dorf, aus
massigen Bergsteinen gebaut, wirkt wie eine trutzige Burg. Die Zimmer
sind klein, aber gediegen eingerichtet, mit Klimaanlage (wird aber
eher zum Heizen gebraucht) und Badewanne. Der Preis von 60 Euro für
zwei Personen ist angemessen. |
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Riad Imlil
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Ganz
anders Dar Imlil. Es liegt am Ortsrand im Grünen, die Bauweise ist
aufgelockerter, die Zimmer sind größer. Es gibt drei Kategorien, die
sich in der Größe unterscheiden und 130, 150 und 200 Euro kosten,
jeweils für zwei Personen mit Frühstück. Die Suiten haben Sitzecke,
Balkon mit herrlicher Aussicht, Bad mit Badewanne, als Zugabe
Stereoanlage, Fön, Safe und Kühlschrank. Der Clou aber ist ein Tablett
mit allem, was man zur Zubereitung von Tee und Kaffee nötig hat sowie
eine Djellabah und einen warmen Umhang für die Damen. Der Kontrast zu
den einfachen Menschen auf der Straße ist stark, dennoch muss das
nichts heißen. Ich lerne einige Hotelbesitzer kennen, die nicht viel
besser gekleidet als die Tagelöhner erscheinen. Hier geht es nach dem
Sein, nicht nach dem Schein. |
Dar Imlil
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Am Nachmittag sammle ich noch ein paar Ratschläge
bei anderen Trekkern. Höhenkrankheit. Mhm. Woher soll ich wissen, ob
mich die befallen wird. Ich habe weder Schlafsack noch einen richtigen
Rucksack, also wird das Übernachtgepäck in eine Plastiktüte gepackt.
Meine netten Führer versehen mich mit allem nötigen.
Am Morgen
soll es um 9 Uhr los gehen. Finde ich viel zu spät. Also wird mein
Führer herbei telefoniert, wir starten um 8.10 Uhr von der Auberge
Lepiney auf 1.800 Metern Höhe, das Maultier mit dem Gepäck kommt
später nach, es ist ja viel schneller. Zunächst geht es über den Berg
nach Arumd, wer dort wohnt hat 40 Minuten gespart. Hinter Arumd geht
es bis zum Ende des steinigen Flusstales, dort steigt der noch
steinigere Fußpfad an. Der Toubkal lacht uns mit frisch gefallenem
Schnee an, die Sonne strahlt am blauen Himmel. Der Weg ist nicht zu
verfehlen, hier ist weder GPS noch Führer notwendig. Stellenweise
herrscht ein Verkehr wie auf der Autobahn zu Ferienbeginn. Ich freue
mich über jede am GPS abgelesene 100 Meter Höhe, die ich geschafft
habe. Zu Beginn fand ich die Geschwindigkeit zum Einschlafen und wäre
alleine schneller gewesen, aber mein Führer bremst mich. Gut, er ist
der Profi. Während ich sonst beim Treppensteigen schnaufe wie eine
Lokomotive geht er so langsam, dass ich kaum zum Schnaufen komme. Und
zwischendrin öfter mal eine Minute Pause. |
Immer wieder
überholen uns die „4x4 Berbère“, die schwer bepackten Maultiere. Wenn
auch zur Navigation bis zur Hütte kein Führer gebraucht wird, ist es
doch sehr angenehm, kein oder nur leichtes Gepäck tragen zu müssen. |
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Wir sind am
Marabut Chamharouch auf 2.300 m. Auf der ganzen Strecke sind keine
Dörfer, aber hier am Marabut sind Verkaufsstände für Souvenirs, Essen
und Getränke. Und wer von bösen Geistern besessen ist bekommt Hilfe
vom Marabut. War auch bis hierher der steinige Anstieg nicht ohne (für
mich Großmutter) so spüre ich nun doch die Höhe, mein Herz klopft wie
wild. Aber Lahcen, der erfahrene Führer passt genau auf, dass ich mich
nicht überanstrenge. Wir passieren die „Kaskaden“, viele kleine
Bergbäche, die den steilen Hang herunter brausen. Überhaupt verläuft
die ganze Strecke entlang eines tosenden Wasserlaufs, von Stille ist
hier nichts zu spüren. |
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Tief
unten weitet sich das Tal zu einer relativ ebenen Fläche, hier ist
Halbzeit, hier machen die Gruppen Mittagspause. Der Clou ist eine
Zweipersonengruppe der Kasbah Toubkal, für die unter dem Tisch mit
zwei Stühlen sogar ein roter Teppich ausgelegt wurde. Fünf Helfer
wieseln um die beiden Bergsteiger herum, die irgendwie nicht sachgemäß
gekleidet erscheinen. Für diesen Luxustrek zahlt man dann gerne 800
Euro. Für mich dagegen gibt es nur einen Steinbrocken ohne Teppich und
ein belegtes Brot. Für meinen Führer gar nichts, denn es ist Ramadan. |
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Weiter
geht’s, etwas weniger steil nun. Und dann endlich, in der Ferne, die
Refuge! Seit Sommer 2007 gibt es sogar zwei davon, das Material für
das große, massive Haus musste komplett auf Maultieren herbei
geschleppt werden, abzüglich der Steine natürlich, davon gibt es
reichlich.
Ich beziehe mein Zimmer. Doch halt, so kann man
das nicht sagen, es ist lediglich ein Bett im Schlafsaal, das erste,
so dass wenigstens an dieser Seite kein Nachbar ist. Männlein und
Weiblein werden hier ebenso gemixt wie bei den Sanitäranlagen. Na, das
wird ja was werden! Alles in allem sind in den zwei Refuges und den
unzähligen Zelten wohl 200 Bergsteiger im Basislager. Nicht jeder will
am Morgen auf den Toubkal, einige ruhen sich nach dem Abstieg am
Vortag aus, einige sind auf einem längeren Trek und wollen noch
weiter. |
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Ich beziehe mein Zimmer. Doch halt, so kann man
das nicht sagen, es ist lediglich ein Bett im Schlafsaal, das erste,
so dass wenigstens an dieser Seite kein Nachbar ist. Männlein und
Weiblein werden hier ebenso gemixt wie bei den Sanitäranlagen. Na, das
wird ja was werden! Alles in allem sind in den zwei Refuges und den
unzähligen Zelten wohl 200 Bergsteiger im Basislager. Nicht jeder will
am Morgen auf den Toubkal, einige ruhen sich nach dem Abstieg am
Vortag aus, einige sind auf einem längeren Trek und wollen noch
weiter.
Kurz vor dem Abendessen finden sich alle im
Kaminzimmer ein, lesen, trinken Tee. Immer mal wieder kommt einer der
Führer vorbei, fragt sein Grüppchen, ob es essen will und alle
verschwinden im Nebenraum. Dann kommt auch mein Führer und holt meine
Ein-Frau-Gruppe. Am Tisch sitzen noch zwei Männer ohne Essen. Zunächst
mal vorsichtig die Sprache abchecken: good evening, parlez-vous
francais? Die Antwort kommt in breitem Sächsisch, eine Fremdsprache,
die ich nicht beherrsche. Aber die Verständigung klappt dennoch. Die
Beiden sind ohne Führer gekommen, haben schon zweimal ihr Abendessen
bestellt, aber es kommt nichts außer Tee. Ich dafür bekomme von Lahcen
ein großes Tajine vorgesetzt. Also lade ich die beiden ein, mein Mahl
zu teilen, schließlich sind wir in Marokko. Erst später gehen mir die
Zusammenhänge auf. Punkt 1 ist, dass mein großes Tajine natürlich auch
für Lahcen gedacht war. Punkt 2 ist, dass offiziell zwar kein
Führerzwang herrscht und in der Theorie in der Auberge auch Essen ohne
Vorbestellung erhältlich ist, dies aber praktisch ein wenig
boykottiert wird. Man will den Führern Arbeit und Lohn verschaffen,
außerdem wird das Essen der Gruppen von den Führern zubereitet. Ohne
Führer ist man hier also ein wenig verlassen.
Schweigen
wir über die Nacht, ihre Geräusche und Gerüche. Frühstück um 4.30,
Aufbruch 5 Uhr! So kalt ist es gar nicht, aber mein Führer versorgt
mich Trekkingfremde mit Mütze, Handschuhen und Extra-Pullover, auf dem
Gipfel ist es eisig kalt und windig. In stockfinsterer Nacht geht es
los, immer dicht hinter dem Führer, zunächst wird auf Felsbrocken eine
tosende Klamm überquert, das dauert etwas, bis alle drüben sind. Wir
klettern nun auf Felsbrocken immer den steilen Hang hinauf, von unten
sieht es aus wie eine Ameisenstraße, die sich langsam im Zickzack
hinauf quält, beleuchtet jeweils von einer Stirnlampe. Einige nuckeln
an einer Sauerstoffflasche, aber an Sauerstoff fehlt es mir weniger.
Ich freue mich über jede 100 Höhenmeter auf dem GPS, es sind 1.000 bis
zum Gipfel, den wir noch nicht sehen können. Endlich geht hinter den
Bergen die Sonne auf und ich kann meine Umgebung erkennen. Ein
Geröllhang, von schöner Berglandschaft keine Spur. |
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Und da
ungefähr passiert es: nicht die Luft geht mir aus, sondern die
Energie, der Wille anzukommen. Was soll ich hier? Warum klettern hier
alle in äußerster Anstrengung in diesen Steinen herum? Was könnte es
dort oben schon geben, das diese Mühe wert ist? Nach 500 Höhenmetern,
also der halben Strecke, beschließe ich umzukehren. Es kommt noch
hinzu, dass das Wetter schlechter wird, einige feine Schneeflocken
fallen. Also nichts wie hinunter, zum Glück bin ich ja allein mit
meinem Führer und muss auf keine Gruppe Rücksicht nehmen. Die zwei
Deutschen, mit denen ich mich bereits am Abend unterhalten hatte,
kommen mir entgegen und wollen mich zum Weitergehen animieren, aber
nein danke. Beim Abstieg sehen wir dann entfernt noch zwei Wanderer,
die alleine, ohne Führer losgezogen sind und es auch versäumt haben,
einfach hinter einer Gruppe herzulaufen. Sie sind völlig vom Wege
abgekommen und werden durch uns auf den richtigen Pfad geleitet.
In der Refuge gibt es dann eine Pause mit 2.
Frühstück und abwärts geht es munter wie eine Gazelle. Absteigen kann
ich doch, macht mir doch nichts. Aber auf halbem Wege werde ich
langsamer und langsamer, als in der Tiefe der Marabut lockt, will ich
nur noch den erreichen und eine lange Pause machen. Die Beine tun weh,
knicken fast ein bei jedem Schritt.
Nach dem Marabut beginnt es zu regnen. Das macht
meiner guten North Face Jacke jedoch weniger aus als der Schweiß, von
innen war ich auf der ganzen Tour nass. Und endlich, endlich sehe ich
die ersten Häuser von Arumd, hat das Telefon wieder Empfang, kann ich
Freunden telefonisch mein Leid klagen. In Arumd will ich nur noch
ausruhen, aber unerbittlich schleppt mich mein Führer weiter, womit er
sicher recht hatte. Und als 800 m vor der Auberge ein Auto hält, lehne
ich es ab, mitgenommen zu werden, so viel Stolz ist noch übrig.
Und dann sitzen. Ach wie schön. Schuhe aus, Tee
trinken und ruhen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich es schaffe, die
Treppe hinauf zur herrlich heißen Dusche zu gehen, die ich endlos über
mich laufen lasse. Was tun mir die Knie weh, was habe ich mir da
angetan. Nie wieder!
Als ich dann geduscht und ausgeruht im Restaurant
aufs Abendessen warte kommen die zwei Sachsen angekrochen, die mich
unbedingt zum Weitergehen animieren wollten. Sie murmeln vor sich hin:
aua, meine Beine, aua meine Knie, was tut das so weh. Und als sie mich
bemerken meinen sie nur, wären sie doch auch vorher umgekehrt. |
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